Monaco di Baviera, Giesing – unten nicht oben

Seit ich für einige Zeit in Italien gelebt habe, lege ich einen fast schon penetranten Lokalstolz an den Tag. Nicht unbedingt weil ich echten Stolz empfinde, sondern vielmehr weil mich die oberflächliche Beantwortung der Frage nach meiner Herkunft schon beim Aussprechen langweilt. In Italien entfacht die Frage nach der Geburtsstadt eine Leidenschaft, die nur noch bei Erkundigungen der bevorzugten Fußballmannschaft oder der Nord-Süd-Problematik so stark zu Tage tritt. Kein einziger Italiener den ich in dieser Zeit getroffen habe, beließ es bei der Frage nach seiner Herkunft, mit der Auskunft seiner Nationalität. Sie schleuderten mir ein Wort entgegen und sahen mich erwartungsvoll an. Wenn ich Glück hatte, waren sie aus Rom, Mailand oder Neapel. Städte, die ich kannte und bei denen ich sofort ein Bild vor Augen hatte. Dann war es leicht, die Begeisterung des Gegenübers zu teilen. Eine Begeisterung die von mir erwartet und vorausgesetzt wurde. Eine Stadt oder ein Landstrich kann noch so scheußlich sein – irgendetwas Schönes sollte einem dazu einfallen. Falls nicht, ist das Verhältnis zu seinem Gesprächspartner dauerhaft zerrüttet. Ich bin ganz gut darin, allem etwas Schönes abzuringen.
Schwieriger wurde es, wenn ich nicht mal wusste, ob ich die Stadt oder den Ort überhaupt kannte. Da warf mir der Mann hinter der Bar ein „Palermitano“ entgegen und hielt meinen Kaffee in die Luft ohne ihn mir zu geben. Nicht bevor ich etwas nettes über seine Heimatstadt oder die Palermitano im Allgemeinen gesagt habe. Mit etwas Phantasie, kann man sich denken, dass er aus Palermo kam. Vorausgesetzt, man hätte das Wort klar verstanden. Hat man aber nicht, den die Palermitani sprechen  ein Italienisch, das für mich damals eher arabisch oder griechisch klang. Wenn man in einer Bar nur lange genug grenzdebil grinsend rumsteht, bekommt man den Kaffee am Ende natürlich auch ohne etwas zu sagen. Es wäre allerdings schade, weil der Kaffee dann erstens nicht mehr heiß ist und man zweitens die Chance auf ein schönes Gespräch vergeudet hätte. Ich bin schnell dazu übergegangen auf die Frage nach meiner eigenen Herkunft nicht mehr nur mit Monaco (was übrigens falsch ist, ich komme aus Monaco di Baviera – ein großer Unterschied) sondern mit „Monaco di Baviera, Giesing – unten nicht oben“ zu antworten. Sollte es Sie einmal in das kleinen Örtchen Cava de’ Tirreni in der Provinz Salerno verschlagen, gehen Sie in eine Bar und behaupten Sie frech, Sie seien ein Münchner. Egal ob Sie gefragt wurden. Sagen Sie es einfach. Man wird Sie begeistert in ein Gespräch verwickeln und lange über die Vor- und Nachteile des Giesinger Berges, der Rivalität zwischen blauen und roten Fußballvereinen und dem Verschwinden der besten Eisdiele Münchens plaudern können. Ich habe hier monatelang ganze Arbeit geleistet. Die könnten Sie unterstützen wenn Sie etwas von Hildesheim oder Düsseldorf erzählen. Man wird Ihnen gerne zuhören.

Ich habe mich auf Elba,  Mailand, Neapel, oder später in Verona so schnell zu Hause gefühlt, weil mich niemand spüren ließ, dass ich fremd war. Gerade weil ich es war, tat man alles, damit ich möglichst schnell heimisch fühlte. Die sofortige Integration war eines der schönsten Erlebnisse. Der Nachteil, jeder sprach so wie in der Schnabel gewachsen war. Der Wunsch verstanden zu werden, ist bei einem Italiener nicht besonders ausgeprägt. Bevor er sich bemüht den heimatlichen Dialekt ein wenig abzumildern, nimmt er es lieber in Kauf, dass manches von seinem Gegenüber nicht auf Anhieb verstanden wird. Es wird dann lange und ausführlich erklärt.  Ich verstand in meiner Anfangszeit häufig nur ein paar Wortbrocken und selbst da war ich mir nicht sicher, ob ich sie richtig interpretierte. Was im privaten lustig und amüsant war, brachte mich in der Arbeit zum verzweifeln. Kaum fähig Smalltalk zu führen wurde ich am Telefon mit sizilianischen LKW-Fahrern konfrontiert. Heute bin ich mir fast sicher, dass sie sich einen Spaß daraus machten, mir ihren Dialekt ungefiltert um die Ohren zu hauen. Richtiger wäre es zu sagen, ihre Dialekte. Es gab einige und irgendwann verstand ich sie tatsächlich ein bisschen. Wenn ich heute mit meinen Freunden aus Italien spreche, sehen sie mich alle ein wenig mitleidig an. Mein Italienisch muss grausam klingen. Stellen Sie sich einen Griechen vor, der in Hessen gelebt hat und von einem Sachsen, einen Bayern und einem Schwaben die deutsche Sprache in den jeweiligen Dialekten gelernt hat. Mein früher Chef meinte vor einigen Jahren leise seufzend, dass sie es gründlich versaut hätten. Ich würde wie ein kleines, liebes und schüchternes Mädchen aussehen. Bis ich den Mund aufmachte. Dann würde ich wie eine ordinäre Landpomeranze klingen, deren Herkunft undefinierbar sei und die rapide an Reiz verliert. Ich habe versucht ihn zu beruhigen. Vielleicht liegt es nicht an der sehr speziellen Spracherziehung die ich in Italien genossen habe. Ich komme schließlich aus Giesing. Da muss man auch zwei Mal hinsehen um zu erkennen wie schön es dort ist. Unten. Nicht oben.

36 Gedanken zu “Monaco di Baviera, Giesing – unten nicht oben

  1. Ein waschechter Bayer bleibt auch bei seinem Bayrisch, selbst wenn sein Gegenüber mit Frosch-grossen-Augen verloren dreinschaugt. Es wäre schade, würden die Dialekte in allen Sprachen verloren gehen.
    Dein Italienisch muss bedeutend besser sein als meines, denn wenn ich anfange, wechselt mein Gegenüber zu Englisch und ich bekomme meinen Espressi.

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  2. Zunächst habe ich mich mal bei Wikipedia schlau gemacht, wie sich Untergiesing von Obergiesing unterscheidet. Die SZ stellt Giesing als den „unterschätzten Stadtteil“ vor. Was du über die Lebendigkeit der Dialekte im Italienischen geschrieben hast, finde ich interessant und auch überraschend. Dass du Italienisch quasi autodidaktisch im beruflichen Umgang mit LKW-Fahrern gelernt hast, ist schon mal Thema in einem anderen Text von dir gewesen, liebe Mitzi, wo du schreibst, dass du den Job wegen deines Aussehen und der blonden Haare bekommen hast.
    Wie stehts eigentlich mit deiner deutschen Aussprache? Färbt das Bairische durch? Mein Bruder hatte in seiner Druckerei mal eine Münchenerin am Telefonempfang. Ich fand es toll. Es hatte nahe Köln etwas beinah Internationales. Die Wirkung von Dialektfärbung hängt ja auch immer vom Kontext ab, was ja auch für dein Italienisch gilt, wie du in deiner lebendigen Sprachbetrachtung vermittelst.

    Lieben Gruß und schönen Sonntag!

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    1. Spricht jemand Hochdeutsch, passe ich mich an. Meine Freundin im Kindergarten kam aus Hannover – ich habe ihr klares Deutsch so sehr angenommen, dass es meinen Eltern die Tränen in die Augen trieb. Rede ich mit Münchnern, hört man den Dialekt deutlich durch. Zu Hause und mit ebenfalls Dialekt sprechenden Personen, verfalle ich in tiefstes baierisch. Dabei muss ich dann auch nicht nachdenken, es ist meine natürliche Art zu reden.
      Warum überraschend? Ich nahm an, dass Italien berüchtigt für seine Dialektvielfalt ist.
      Auch dir einen schönen Sonntag und liebe Grüße.

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      1. Das geht mir auch so, manche sind dann überrascht, wenn ich mitten im Satz zu Schwäbisch wechseln kann. Ich finde Dialekte faszinierend. Besonders schön fand ich in deinem Bericht, wie offen die Italiener Fremden gegenüber sind und sich für die Heimat des anderen interessieren. Könnte hier so mancher davon lernen.

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      2. Ob es heute noch so ist, weiß ich nicht. Und ich fürchte das „offen gegenüber Fremden“ ist auch abhängig davon, woher der Fremde kommt. Ein Italiener hat es bei uns auch leichter als ein Iraner. Ich selbst wurde aber so warmherzig wie beschrieben aufgenommen.

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      3. Kann ja sein, „dass Italien berüchtigt für seine Dialektvielfalt ist.“ Aber ich hatte nie zuvor davon gehört und folglich keine Ahnung, sondern war stillschweigend davon ausgegangen, dass es ähnlich wie in Deutschland um die Dialekte bestellt ist. Ich finde schön, dass du noch Bairisch kannst, sogar „tiefstes Bayrisch“, was total verlockend klingt, aus dem Mund einer attraktiven Frau auch etwas Erotisches hat.

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  3. Ich liebe die Italiener, auch wenn ich jetzt leider schon ein paar Jahre nicht da war. Und auch wenn ich tatsächlich manchmal verzweifelte, weil ich in einem Dorf doch nur wissen wollte, wann es das nächste frisch gepresste Olivenöl gäbe und dann das Gefühl hatte, man erzählte mir die Biografie einer ganzen Familie, ohne dass ich auch nur ein Wort verstanden hätte.Zuhause habe ich mich auch immer und überall sofort gefühlt. Und die Leidenschaft, was die Wohnorte betrifft, kann ich nachvollziehen. Ich habe schon immer begeistert erzählt, dass ich eine echte Leipzigerin bin, und seit etwas mehr als einem Jahr betone ich das ganz besonders und überall, wenn jemand fragt: Aus Sachsen?

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    1. Das Puerto war etwa acht Wochen lang eine Perle. Ausstellungen, Lesungen und Konzerte vom Feinsten. Was dann passierte ist ….furchtbar. An den Urin kann ich mich auch erinnern. Leider nicht nur an den Geruch. Ich bin rückwärts wieder raus und nie wieder rein.
      Und doch, es passt. Ist auch Giesing gewesen. Jetzt ist es weg schon einige Zeit weg und wir können wieder durchatmen.

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      1. Ich habe damals Soulwax und Simian Mobile Disco dort gehört – war ein legendärer Abend. 🙂 Die hatten dort ja als „Urin-Rinne“ bei den Männern eine original Regenrinne eingebaut, grausam aber unvergesslich.
        Dennoch.
        Lieber durchatmen 😉

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  4. ich habe die Italiener immer als gespalten empfunden zwischen Nord und Süd! Dann die ganze Tirol Diskussion! Aber die Herzlichkeit ist einzigartig…und Monaco (de Baviera) wusste ich;-) so mancher soll sich da schon mit der Bahn verfahren haben;-)

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  5. Bayern und Italiener verstehen sich 😉 Mein Freund ist ein „gemischter Italiener“, Mama aus dem Norden, Papa aus dem Süden, das vereint dann alle Eigenschaften in sich *g*
    Aber in Untergiesing kenn ich echt nichts schönes/tolles/lebenswertes *hihi*, außer das Grünwalder Stadion.

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    1. Du führst mich in Versuchung von den Isarauen, dem besten Italiener hinter dem Schyrenbad, den charmantesten Straßen, dem klasse versteckten Weinladen und den wohlklingensten Kirchenglocken zu schwärmen 😉
      Aber gegen das Grünwalder Stadion kommt´s nicht an 😉

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  6. Ich glaube ich war nie in Giesing, dafür kenne ich Berg-am-Laim und Neuperlach, letzteres keine Perle, wie du weißt…

    Bei Zeiten in Italien hat mir immer super gefallen, dass ich dort null verstanden habe, weil sie so schnell sprechen, als gäbe es dafür etwas zu gewinnen…

    Mittagsgrüßle vom Lu

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  7. Giesing… Dann sind wir ja gar nicht so weit voneinander entfernt 🙂
    Ich stamme aus dem Norden und habe – so die anderen – immer ein klares Hochdeutsch gesprochen. Dialektfrei. Irgendwann fiel mir auf, dass ich fremde Dialekte gar nicht soooo schnell annehme, aber wenn dann doch (ein bisschen), dann verfalle ich spätestens zu Hause an der Küste wieder in die dortige Sprache, wobei ich feststellte, dass ich dann eher den typisch nordischen Dialekt annehme, den ich früher selber gar nicht gesprochen hab. Schon komisch manchmal 🙂

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  8. Bist du auch aus München?
    Irgendwann schlägt die Heimat in der Sprache doch durch. Auch wenn da manchmal etwas rauskommt, was nach Jahren, wieder anders klingt. Ich mag das vertraute und bis auf wenige Ausnahmen – die ich hier nicht zugeben werde – mag ich Dialekte recht gerne 🙂

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  9. Ich finde italienisch eine der melodischten Sprachen überhaupt, leider kann ich wirklich nur einen Satz, der sich in meinem Hirn eingebrannt hat, als ich das letzte mal vor Ewigkeiten durch die „ewige Stadt“, allerdings nur kurz und beruflich schlenderte 😦 „Ciao bella donna comme stai?“ Nie wieder habe ich mich so guuut gefühlt, obwohl das ja eigentlich eine einfache plumpe Anmache ist… Aber das können sie einfach, die Italiener, diesen EINEN Satz perfekt aussprechen…

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  10. „Der Wunsch verstanden zu werden, ist bei einem Italiener nicht besonders ausgeprägt. “ ich kann zwar kein italienisch und kenne das land nur von urlaubsreisen, aber DAS kann ich definitiv bestätigen. allerdings auch die begeisterung, mit der sie versuchen, sich mit jedem zu unterhalten. und mit händen und füßen gehts dann. zum glück hab ich mal latein gelernt, kann ein paar brocken französisch und bin eingermaßen findig in der ableitung von wortstämmen. da ist es nie schwer, in italien freundschaften mit menschen zu schließen, mit denen man nur mit händen und füßen sprechen kann. ach, ich liebe dieses land. und ich würde dich zu gern italienisch sprechen hören.

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      1. oh das würde ich schon gern. es ist nur in der prioliste nicht ganz weit oben, daher mangelt es – wie bei so vielen dingen – leider an der zeit :/

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