Inkompetentes Lächeln

Vor einigen Tagen erfuhr ich, dass es mir tatsächlich einmal gelungen ist, einen Job ausschließlich durch mein Äußeres zu erhalten. Das ist nun eindeutig nichts worauf man stolz sein kann. Man will durch Kompetenz, Intelligenz und Fachwissen glänzen. Oder in meinem Fall: ich MUSS durch die vorherigen Eigenschaften glänzen, da ich a) zur Kategorie Durchschnitts-Frau gehöre und b) überhaupt nicht wüsste wie ich vorhandene Reize in einem Vorstellungsgespräch einsetzen könnte ohne dabei plump, dreist und dämlich zu wirken. Seit Freitag weiß ich, dass mein Lebenslauf zumindest einmal völlig unwichtig war und die dunkelgrünen Augen, die langen blonden Haare und mein angeblich naives Lächeln den Ausschlag gegeben haben.

Am Freitag war es wieder soweit. Besuch aus Italien zum Oktoberfest. Mein früherer Kollege Luca war mit Freunden aus Verona angereist und wir saßen bei strahlendem Sonnenschein im Biergarten vor einem der Zelte. Massimo war neu in der Gruppe und fragte mich ob ich auch im Obst und Gemüse Exportbereich arbeiten würde. Lachend verneinte ich und merkte an, dass die Feinheiten des Obst- und Gemüsehandels nicht unbedingt mein Steckenpferd waren. Irritiert sah er mich an und hakte nach.  Ich hätte doch  in genau diesem Bereich zwei Jahre lang in Italien gearbeitet. Da muss doch etwas hängen geblieben sein. Mein frühere Kollege schaltete sich lachend ein und schüttelte den Kopf. Ich hätte wirklich keine Ahnung. Nulla. Niente. Das wollte ich dann doch nicht auf mir sitzen lassen und verkündete, nicht ohne stolz, dass ich sehr wohl noch das zulässige Gesamtgewicht eines LKW´s für die Europabrücke kennen würde. Nämlich maximal 14 Tonnen. Luca lächelte milde und schüttelte den Kopf. „Nicht mal mit Wattebällchen beladen und wenn der Fahrer zu Fuß geht.“ Dann folgten einige Geschichten, die a) zur allgemeinen Erheiterung – nicht nur unseres Tisches – beitrugen und b) mich als kompletten Idioten darstellten. Als ob es so schlimm wäre einen vollbeladenen LKW irrtümlich und aufgrund unüberwindbarer Sprachdifferenzen aus Versehen statt nach Genua nach Grenoble zu schicken. Ok, es ist schlimm. Aber dann darf man eben keine Deutsche ans Telefon lassen und sie mit einem sizilianischen LKW Fahrer die Route diskutieren lassen. Nach ein paar Minuten warf ich beleidigt ein, dass Antonio unser damaliger Chef, das wohl anders gesehen hatte. Schließlich bekam ich den Job sofort und hatte ihn, bis ich selbst kündigte. So schlecht war mein Italienisch dann wohl doch nicht. Luca grinste und zuckte mit den Schultern. Er zumindest, hätte kaum ein Wort von mir verstanden. Aber mein Lächeln sei bezaubernd gewesen. Überhaupt. Ich sei so jung, so naiv, so hübsch und so ahnungslos gewesen. Einstimmig hätten sie beschlossen, mich zu nehmen. Sie nahmen mich weil ich jung und naiv war?!? Das klingt nach einem Casting der ganz anderen Art. Letztendlich aber konnte ich froh sein, in diesem Obst- und Gemüse Eldorado untergekommen zu sein. Die Firma, Luca, Antonio und nicht zuletzt die Buchalterin und Seele der Firma waren meine Rettung!

Geduldig ertrugen sie das Chaos, in das ich die LKW Fahrer anfangs stürzte, weil sie mich leichtsinniger Weise von Anfang an ans Telefon ließen. Sie lehrten mich die Unterschiede der Obst- und Gemüsesorten indem sie mich mit auf die Großmärkte nahmen und luden mich reihum zu ihren Familien zum sonntäglichen Mittagessen ein, wenn das Heimweh zu groß wurde. Mit Luca und seinen Freunden ging ich abends aus und Sara, die Buchhalterin, sorgte dafür, dass ich mir nicht den derben Slang der LKW Fahrer aneignete sondern ein anständiges italienisch lernte. Brauchte ich einen Arzttermin, ließen sie ihre Verbindungen spielen und brachten mich bei Bekannten und Verwandten unter ohne das ich die horrenden Gebühren für Privatpatienten bezahlen musste.

Nichts davon war selbstverständlich. Wer in einem fremden Land ankommt und keine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse vorzuweisen hat, wird schnell feststellen, dass man nicht unbedingt auf ihn gewartet hat. Ich vermute, dass zwei Drittel aller Auswanderer ihr Vorhaben gründlich unterschätzen. Fakt ist aber, entweder du hast etwas zu bieten oder du brauchst verdammt viel Glück. Ich hatte Glück. Meine damaligen Kollegen waren das Fünkchen Glück, das manchmal zwischen Erfolg und Niederlage unterscheidet. Und wenn diesem Glück durch mein Lächeln und einem sommerlich kurzen Kleidchen auf die Sprünge geholfen wurde, dann ist es dieses eine Mal absolut in Ordnung.  Denn, wie gesagt, ich bin eine Durchschnittsfrau und nach dem ersten Start in Italien musste ich dann auch wieder mit Kompetenz, Engagement und Hartnäckigkeit um meine Erfolge kämpfen.

Gelernt habe ich am Ende natürlich doch einiges. Neben einem Grundstock an italienischer Buchhaltung und einem gar nicht mal so kleinem Wissen über den Obst- und Gemüse Im- und Export vor allem eines. Ich kann mich durchsetzen. Und wie. Wenn es nötig ist, dann brülle ich einen sizilianischen Großhändler am Telefon nieder. Öfter und viel lieber, erreiche ich meine Ziele aber mit einem Lächeln.

10 Gedanken zu “Inkompetentes Lächeln

  1. Eine „Durchschnittsfrau“ könnte diesen Text gar nicht schreiben. Dass ich ihn gelesen habe bis zum Schluss, ihn jetzt kommentiere, obwohl ich eigentlich zum Kiosk gehen wollte, um mir eine oder zwei Flaschen Kölsch zu kaufen, verdankst du jedenfalls nicht deinem kurzen Sommerkleidchen, deinen dunkelgrünen Haaren äh Augen und den blonden Haaren, sondern einzig deinem Schreiben (Und natürlich deinem schönen Namen, und dass du aus Giesing kommst, wo ich doch mal in einem Park der Schwantalerhöhe diesen Aufkleber fotogeknipst habe:

    Gefällt 2 Personen

    1. In direkter Konkurrenz zu zwei Kölsch….das ist ein schönes Kompliment. Danke, Jules.
      In München würde dein Gang zum Kiosk am Sonntagabend schwierig werden ;).
      Die Aufkleber kenn ich nicht, aber seit kurzem wird „ich bin Giesing“ auf den Gehweg gesprüht. Nicht überall passend, aber inhaltlich zu bevorzugen.

      Gefällt 1 Person

  2. Leider wird das Bild nicht angezeigt: Jedenfalls steht auf dem Aufkleber „GANZ GIESING HASST DIE POLIZEI“, wobei nicht klar ist, wer hier wen hasst, also wer Subjekt, wer Objekt ist..

    Gefällt mir

  3. liebe mitzi, ich wage zu bezweifeln, dass du eine durchschnittsfrau bist. und dass du nur glück hattest. ich glaube, du hast ein sehr großes herz und sehr viel zu geben. und nachdem was ich zuletzt gesehen hab, auch ein sehr hübsches gesicht mit einem recht klugen kopf dahinter. aber ich vermute das nur, schließlich kennt man einander nach dem lesen von ein paar blogbeiträgen ja nicht allzu gut 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Ich glaube ich bin ganz ok 😉 Freue mich aber über deine liebe Einschätzung.
      Mit Durchschnitt meinte ich damals vor allem, dass es diese Hammerfrauen gibt. Bildschön, super belesen und überhaupt..solche denen es alles gelingt. Das bin ich nicht. Muss ich sich nicht sein. Ich bin ok. Das mit es reichen. 😂

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s