Dantes Inferno – Italienische Behörden

Google definiert Euphorie als eine vorübergehende überschwängliche Gemütsverfassung mit allgemeiner Hochstimmung und gesteigerter Lebensfreude. In meiner ersten Nacht in Verona, war ich sehr euphorisch. Eine ordentliche Dosis Dopamin und Serotonin führte dazu, dass ich ein einziges Fenster in einer zwei Zimmer Wohnung als völlig ausreichend befand und es mir als charmant und extravagant erschien, mit Hilfe der Feuerwehr in dieselbe einzuziehen. Ich war überzeugt, dass es jetzt nur noch besser werden konnte. Wer kurz nach Mitternacht die italienische Feuerwehr ohne Mietnachweis überzeugen konnte in eine Wohnung einzubrechen, der würde den Rest mit links schaffen. Dachte ich. Bis ich die italienischen Behörden kennen lernte.

Jedem, der sich über die deutsche Bürokratie aufregt, empfehle ich für eine gewisse Zeit nach Italien zu ziehen. Das italienische System ist dem deutschen nicht unähnlich. Auf den ersten Blick erscheint es einem sogar vertraut. Bis man tiefer einsteigt. Dann versteht man warum selbst Italiener nur stumm den Kopf schütteln, wenn man erzählt was man vorhat. Das System treibt einen in den Wahnsinn. Ich vermute es ist die italienische Art, die Zuwanderung zu minimieren. Wer nach der zweiten Behörde noch nicht aufgegeben hat, ist ausreichend hartnäckig, ausdauernd, geduldig und schlau genug in diesem wunderschönen Land zu überleben. Oder er bekommt bei Behörde drei einen hysterischen Anfall und schließt die erste Freundschaft, die einem vor der Einlieferung in die geschlossene Anstalt bewahrt.

I. Codice fiscale – die Steuerkarte

Benötigt man für alles. Und wenn ich alles sage, dann meine ich wirklich alles. Neben Miet- und Arbeitsverträgen, sämtlichen Bankgeschäften auch für den Kauf eines Handys oder der Buchung einer Gondelfahrt in Venedig.  Ich hatte drei Tage um an den codice zu gelangen und ihn meinem Vermieter vorzulegen. An Tag eins suchte ich die richtige Behörde, wurde aber vom schönsten Schuhgeschäft der Welt abgelenkt und kam zu spät. Die nächsten zwei Tage stand ich an. Lange. Sehr, sehr lange. Das folgende Verhör, ließ mich an meinem Vorhaben zweifeln und ich fühlte mich wie ein Schwerverbrecher, der gerade auf legalem Weg versuchte einzureisen. Am Nachmittag von Tag drei hätte ich – theoretisch – eine Gondelfahrt in Venedig organisieren können. Als Tourist, benötigt man dafür übrigens keinen codice.

II. Azienda Sanitaria Locale (ASL) – Krankenkasse

Man sagte mir, ich müsse eine Nummer ziehen. Kein Problem, kennt man ja aus Deutschland. Äh…ne, kennt man nicht. Ich stand vor einem Kasten mit wirklich sehr vielen Tasten und Beschriftungen, die mein Anfänger Italienisch nicht einmal im Ansatz verstand. Später erklärten mir meine Kollegen lachend, dass nicht einmal sie verstanden, was mit den fünfzeiligen Erklärungen gemeint sei. Ich tippte auf irgendeine Taste und vertraute naiv darauf, dass man mir – erst einmal in einem Büro sitzend – schon weiter helfen würde. Beim Drücken der Tasten erklang ein Geräusch, das an eine in die Jahre gekommene Espressomaschine erinnerte und für mich im Laufe des Tages eher nach dem Rattern des Rolltors zur italienischen Bürokratie-Hölle klang. Meine Naivität verschwand schnell. Falsche Taste, falsches Büro, keine Erklärung, zurück auf Start, noch mal drücken, noch mal Rolltor-zur-Hölle, wieder etwa drei Stunden anstehen. Später erfuhr ich, dass die Experten einfach alle sechs Nummern zu gleich zogen und unter missgünstigen Blicken innerhalb nur eines Tages ihr Ziel erreichten. Ich benötigte weitere drei Tage um ins richtige Büro zu gelangen und erfuhr erst dort, dass ich mich ohne Arbeitsvertrag gar nicht anmelden konnte.

III. Comune Residenza – Anmeldung am Wohnort

Um einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben benötigt man neben dem Codice fiscale auch die Bescheinigung der ASL und einen die Anmeldung zur Residenza. Die ASL Bescheinigung gibt es aber nur mit Arbeitsvertrag und an die Residenza gelangt man nur mit ASL Eintrag und Arbeitsvertrag. Die einzelnen italienische Behörden arbeiten völlig autonom und widersetzen sich stur einer Einigung, welche Anmeldung zuerst zu erfolgen hat.
Der Teufelskreis ist nur durch einen lautstarken, hysterisch angehauchten Anfall an einem der Schalter zu durchbrechen. Fasziniert beobachtete ich Francesca aus Rom, die diesen Auftritt mit einer unbeschreiblichen Dramatik aufs Parkett legte. Wir hatten uns während der vierstündigen Wartezeit kennen gelernt und waren ähnlich genervt und verzweifelt. Am späten Nachmittag packte sie mich an der Hand und stürmte an einen der Schalter. Während sie schrie und wild gestikulierte, deutete sie immer wieder auf mich. Wenn ich es richtig verstand, stellte sie mich als grenzdebile, mittellose Studentin mit gesundheitlichen Problemen dar. Fast hätte ich meine Residenza bekommen. Ich scheiterte an den fünf identischen Passbildern, die ich vorzulegen hatte. Der Automat am Eingang machte nur vier Stück auf einmal – auf dem fünften, aus der zweiten Vierergruppe, lächelte ich nicht identisch genug.

Mit Francesca erhielt ich in der darauffolgenden Woche auch die ASL Bescheinigung. Ich weiß nicht, was sie den Mitarbeitern dort erzählte und warum es auf einmal doch ohne Arbeitsvertrag ging. Aber es funktionierte. Zum Dank lud ich sie am Abend zum Essen zu mir in meine fensterlose Wohnung ein. Um acht Uhr gingen die Lichter aus und das leise Glucksen der Heizung verstummte. Francesca erkundigte sich gelassen, ob ich daran gedacht hatte, den Strom- und Gasanschluss des Vormieters auf mich übertragen zu lassen. Als ich verneinte, stöhnte sie.  Das würde ein paar Wochen dauern und wäre ohne Arbeitsvertrag nun wirklich unmöglich.

Unmöglich ist in Italien ein dehnbarer Begriff. Fünf Tage später wurde es wieder hell und warm.

8 Gedanken zu “Dantes Inferno – Italienische Behörden

  1. Oh Oh – da kommen Erinnerungen auf – aber nein, ich bin nicht nach Italien gezogen – Ne ne, viiiieeeeelll einfacher – ich wollte hier in Deutschland eine Sizilianerin heiraten !!!!
    Ich glaube, die Erlebnisse auf dem Italienischen Konsulat in München kann ich mit gleichem Kopfschütteln mit Deinen Erfahrungen vergleichen 🙂
    Aber – Hartnäckigkeit kommt an’s Ziel – genau 2 Stunden vor Anmeldeschluß am Standesamt, und ca 22 Stunden vor dem eigentlichen Hochzeitstermin habe ich mit meiner „deutschen Naivität und meinem bayerischen Temperament“ den Capitano überreden können (oder auf deutsch drohen ???) mir diesen verfluchten Stempel auf die Heiratsgenehmigung zu drücken 🙂
    Aber das – ist eine andere Geschichte 🙂

    Jedenfalls sehr, sehr informativ, und zum schmunzeln geschrieben 🙂

    Gruß Stefan

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  2. Hallo Stefan, das klingt nach Nervenkrieg.
    So wie ich dich kenne war es dein bayerischer Charme, das spitzbübische Grinsen und das Temperament, das zum Ziel führte.
    Dennoch lieben wir Italien, nicht wahr? 😉
    Liebe Grüße

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  3. Kann ich bestätigen – wer auf unsere Bürokratie schimpft, hat die italienische noch nicht erlebt. Ich denke nur an die vielen Agenturen, von denen man Behördengänge – natürlich gegen Bezahlung – erledigen lassen kann. Obwohl: in Berlin bewegen wir uns auch gerade in diese Richtung, denn dank der Sparmaßnahmen sind hier Termine bei den Bürgerämtern faktisch nicht erhältlich.

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