Ich bin dann mal weg

Als ich mit Mitte Zwanzig beschloss nach Italien auszuwandern, hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, wie es funktionieren könnte. Ich wusste, dass ich ein Dach über dem Kopf brauchte und einen Job mit regelmäßigem Geldeingang finden musste.  Der Rest würde sich finden. Damit war ich  mit deutlich mehr Realismus ausgestattet als es heute ein Großteil der Protagonisten in der unsäglichen VOX Doku „Goodbye Deutschland“ ist.  Von einem detaillierten Plan war ich allerdings weit entfernt. Wie weit, erkannte ich an der Reaktion des besten Papas der Welt, als ich ihm meine halbgaren Pläne schilderte. Er reagierte auf meine Ankündigung, indem er erst einmal gar nichts sagte, sondern aufstand, seine Jacke vom Haken nahm und mehrere Stunden spazieren ging. Das macht er immer dann, wenn ihm die Worte fehlen. In meinen Augen eine ziemlich kluge Art und Weise, die Gedanken zu sortieren. Dass er meine Pläne allerdings auch in den folgenden Monaten mit keinem Wort kommentierte, machte mir Sorgen. Wenn der beste Papa der Welt ganz verstummt, dann hat ihn etwas hart getroffen. Unser Gespräch zu diesem Thema, einige Tage später, machte es nicht besser. Papa und ich neigen nicht dazu die Dinge zu zerreden. Der Wortlaut war in etwa so:

„Wie lange?“
„Weiß nicht. Vielleicht ganz.“
„Mhm.“

Meine Mutter, die in meinem Alter selbst für einige Jahre ins Ausland ging, war entspannt. Papa nicht. Mehrere Monate lang ignorierte er meinen Umzug völlig und blendete ihn konsequent aus. Seine Zustimmung erteilte er mir erst, als wir zwei Tage vor dem Umzug,  meine Möbel in der Scheune meines Onkels unterbrachten. Dieses Gespräch, zum Thema Italien, konnte man schon fast als ausführlich bezeichnen:

„Brauchst du Geld?“
„Ne.“
„Nimm.“
„Papa, das brauch ich nicht.“
„Nimm!“
„Ist das für die Zugfahrt zurück, wenn’s nicht klappt?“
„Ja.“
„Und wenn’s klappt, besuchst du mich dann?“
……
„Deine Mutter macht heute Abend Spaghetti.“
„Papa! Ob du mich besuchst, will ich wissen!?“
„Dazu gibt’s Hackfleischsauce.“
……
……
……
„Ich hab dich lieb, Papa.“
„Mhm.“

„Mhm“ heißt bei meinem Vater soviel wie: „Ich dich auch, liebe Tochter. Pass auf dich auf und ruf an, wenn du etwas brauchst. Was immer da unten passiert, ich kann in fünf Stunden bei dir sein. Und mach dir keine Sorgen, ob du einen Job findest. Das wird schon werden und wenn nicht, dann kommst du eben zurück. Ruf an, dann hol ich dich.“ Reden mussten wir danach nicht mehr. Es war ja alles gesagt. Zwei Tage später war es soweit. Ich zog nach Verona in Italien. Erst mal für immer.

Noch heute, habe ich meinem Vater nicht erzählt, wie dieser Umzug am Ende wirklich abgelaufen ist. Wenn er fragt, dann nenne ich es lachend holprig und wechsle schnell das Thema. Ich vermute er hat eine grobe Ahnung davon, dass ich mich in Punkto Planlosigkeit, Chaos und Naivität gut bei VOX hätte bewerben können. Irgendwann werde ich ihm erzählen, dass ich seine Geldscheine noch immer habe. Sie stecken in einer alten Illy Kaffeedose, die ich  in Italien in meiner ersten Woche gekauft habe. Ein Notgroschen. Wenn ich mal ganz dringend von irgendwo nach Hause und zu ihm muss.

Besucht hat er mich dann natürlich doch. In der Kühltasche auf dem Rücksitz mehrere Dosen selbstgemachter Hackfleischsauce. Keine Bolognese, sondern die alla Mama.

9 Gedanken zu “Ich bin dann mal weg

  1. Die Sache mit den Wurzeln und den Flügeln … ich habs von der Vaterseite aus zweimal erlebt und, nein, es ist nicht einfach! Eine gewisse Wortkargheit retten einem da das Fell, weil das, was man sagen möchte, sich ja doch nicht in Worte fassen lässt. Man muss sich darauf verlassen, das es gefühlt wird – wie hier ja auch!

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Colleen,

      mein damaliger Freund zog nach Italien und blieb dort – ich bin im (etwas impulsiv) hinterher gezogen. Wollte aber schon immer ein paar Jahre im Ausland leben. Italien war Zufall.

      Die Parallelen schau ich mir heute Abend gleich mal an 🙂
      LG
      Mitzi

      Gefällt 1 Person

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