467 Tage

Dass ich nach Italien gehen würde, ahnte ich in dem Moment als ich die Rücklichter des dunkelblauen, vollgepackten VW Passats das letzte Mal aufleuchten sah bevor er um die Ecke bog. Meinem Freund, dem das Auto gehörte, hatte ich noch eine Stunde zuvor gesagt, dass ich nie aus München wegziehen würde. Im ersten Moment war es nur das kurze aufblitzen eines Gedankens. Ein paar Minuten später, als ich an der Trambahn Haltestelle saß und mir die Augen ausheulte, weil mein Freund München gerade für immer verließ um in Italien neu anzufangen, begann ich das erste Mal darüber nachzudenken. Sehr rational war es nicht, weil in meinem Magen ein eiskalter Brocken lag und ich vor lauter Vermissen und ihn zurück wünschen kaum Luft bekam. Er musste in etwa am Brenner, an der Grenze zu Italien gewesen sein, als ich mir ausrechnete, wie viele Scheine ich pro Semester  schreiben müsste um das Studium schnellstmöglich hinter mich zu bringen. Ein schon etwas klarerer Gedanke, der den Brocken im Magen auf Zimmertemperatur brachte. Sein erster Anruf aus Italien, auf der Fähre nach Elba, kam einige Stunden später. Ich war gar nicht erst nach Hause gefahren, sondern schrieb mich bereits in der Nähe des Hauptbahnhofes für einen Intensiv-Italienischkurs ein. Am selben Abend hing neben meinem Bett ein DIN A3 Blatt mit den Zahlen von 1 bis 468. Während ich die Zahlen, eine nach der anderen, in endlosen Reihen darauf geschrieben hatte, wusste ich es schon. Am Tag nach seinem Fortgang strich ich die 468 durch. Mein Magen war wieder leer und von allen schweren Steinen befreit. Einfach so, weil es manchmal ganz einfach ist. Er, der Mutige und Entschlossene, ist nicht für immer fortgegangen. Er war nur vorgegangen. In 467 Tagen würde ich nachkommen.

Die Zeit bis dahin war vielleicht die beste, auf jeden Fall aber die anstrengendste meines Lebens. Wer sich in München sein Studium selbst finanziert und nicht mehr zu Hause wohnt, muss verdammt viel jobben. Wer als Student dazu noch ein bis zwei Mal monatlich mit dem Zug und der Fähre nach Elba fahren möchte, sollte seine sonstigen Ausgaben am besten komplett streichen. Sehr zu empfehlen ist ein Freundeskreis, der geübt darin ist, die besten Partys kostengünstig zu Haus zu schmeißen und ein stahlharter Magen, der das billige Mensaessen verträgt, weil es die einzige Mahlzeit des Tages ist. Ein guter Draht zur Fachschaft und den Kommilitonen ist ebenfalls zwingend erforderlich. Neben den entstehenden Freundschaften vor allem wegen der Aufteilung der sonst teuren Skripte, dem freien Kaffee und den gemogelten Unterschriften auf Anwesenheitslisten. Auch ein, auf maximal fünf Stunden reduziertes Schlafbedürfnis ist von Vorteil, weil zwischen jobben, den Hauspartys und den Vorlesungen kaum Zeit bleibt.
Das war die eine Hälfte des Preises die ich für eineinhalb Jahre, in denen ich jeden Monat etwa acht Tage auf Elba verbrachte, bezahlte. Die andere Hälfte war etwas schwerer.

Für emotionale Ausnahmezustände bin ich immer zu haben. Mich selbst in diese hinein zu manövrieren? Eines meiner Spezialgebiete. Mein Meisterstück waren diese 467 Tage. In dieser Zeit hatte ich meinen ganz eigenen einundzwanzig tägigen Zyklus.  Er begann mit zehn Tagen in denen ich zu nichts zu gebrauchen war. Arbeiten, Vorlesung, essen, schlafen und dazwischen nur schmerzhaftes Vermissen. Eine CD in Dauerschleife.  Lucio Battisti – mi ritorni in mente – in voller Lautstärke. Mein WG Mitbewohner litt in diesen Tagen gehäuft unter Migräne und meine Nachbarn konnten vermutlich jedes einzelne Lied auswendig mitsingen. Ich habe es nur am Rande mitbekommen und dämmerte vor mich hin, bis ich ohne den Umweg emotionaler Ausgeglichenheit in die Hochphase der Vorfreude stolperte. Sechs Tag in denen ich mich so unbändig auf „meine“ Insel und meinen Freund freute, dass mein Mitbewohner erneut an mir verzweifelte und die Nachbarn ihren unfreiwilligen Sprachkurs fortsetzten. Lucio Battisti flog in die Ecke und Vasco Rossi übernahm seinen Platz. Ebenso laut und ebenso penetrant immer wieder die gleichen zwölf Lieder. Die Nachbarn hassten mich. Tag siebzehn gehörte den Liedern von Luca Carboni. Mit ihnen im Ohr nahm ich um 23:47 Uhr den Nachtzug nach Pisa. Aus Kostengründen nie im Liegewagen und oft auf dem Gang kauernd. In Pisa ein Cornetto con crema e un cafè (1,96 Euro und ein Stempel auf dem Kärtchen. Beim zehnten Mal gab´s den Kaffee umsonst)  e poi….ja und dann nur noch schnell mit dem Zug Piombino und eine Dreiviertelstunde mit der Fähre. Sechzehn Stunden ohne Schlaf und mit einer schweren Reisetasche über der Schulter. Der raue Stoff des Trägers hat mir in dieser Zeit so oft die Haut aufgeschürft, dass ich noch fünf Jahre später einen dunklen Fleck an der Schulter hatte. Es war mir egal. Mir war alles egal, weil er am Hafen stand und auf mich wartete. Die letzten Meter rannte ich. Die Tasche fallenlassend und in seine Arme springend. Wie in einem kitschigen Film, jedes einzelne Mal. Ein paar Mal konnte er seine Zigarette nicht schnell genug wegwerfen. Auch egal. Er musste den restlichen Nachmittag arbeiten und ich schlafen. Nie habe ich besser geschlafen, als in seinem Bett wo alles nach ihm und der Insel roch. Elba hat einen ganz besonderen Geruch. Im Sommer eine Mischung aus heißem Teer, überreifen Tomaten, würzigem Meer und dem schweren Aroma der dortigen Vegetation. Mit geschlossenen Augen hörte ich das Knattern der Mofas, das Stimmengewirr auf der Straße, zirpende Grillen und das gleichmäßige Rollen der Wellen. Beim Einschlafen der letzte Gedanke – jetzt vier Tage unendlich glücklich zu sein, bis zurück in München  der Zyklus aufs neue began.

Ich nenn meinen damaligen Freund, den Mutigen, weil er es war der mit gezeigt hat, dass man manchmal einfach springen muss. Über den Brenner und die Alpen, dorthin wo man das Glück vermutet.  Ohne ihn zu fragen, weiß ich, dass ich mich bei Erzählungen über ihn auf unsere Freundschaft beschränken sollte. Er würde es mir übel nehmen, wenn ich das teile, was nur uns beide etwas angeht. Dieser Wunsch ist leicht zu erfüllen. Die Freundschaft ist nämlich geblieben, als der Rest verblasste. Noch heute verbringen wir jedes Jahr Weihnachten zusammen. Dann kommt er von Italien zurück nach Bayern zu mir und zu seiner Familie. Und mitten im Winter, bringt er diesen Geruch mit. Dann riecht es neben Bratäpfeln und Tannenzweigen auch nach Meer und Italien. Er sagt ich spinne. Er wohne doch längst in einer Stadt, die gar nicht am Meer liegt und hätte eben erst geduscht. Ich schüttle den Kopf und spring ihm in die Arme. Es ist mir egal ob es unmöglich ist und ich weiß ja wo ich suchen muss. An seiner Halsbeuge und in seinen Haaren hängt der Geruch, nach dem ich mich ein ganzes Jahr gesehnt habe. Dann atme ich ganz tief ein und bin glücklich.

15 Gedanken zu “467 Tage

  1. Wunderschön ❤
    Du bist so mutig gewesen! Du schreibst so detailliert, so herzlich, dass ich das Meer riechen kann. Bewunderswert! So viel Leidenschaft in, zwischen und hinter den Zeilen. Das macht Mut! Ich danke dir und wünsche euch, dass eure Freundschaft ewig hält.

    Gefällt 3 Personen

  2. ach mitzi
    du schreibst so toll.
    ich habe gerade tränen vor sehnsucht in den augen.
    nicht nach italien. mein paradies liegt viel nördlicher. ich übe gerade zu springen und danke für deine geschichten 🙂 drück dich.

    Gefällt 1 Person

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